Ihre Empfehlung des H[errn] Dr. von Kern kommt mir recht erwünscht. Nach Ihren Mittheilungen über seine Befähigung, seine Studien u[nd] seine Persönlichkeit habe ich die beste Hoffnung, daß in ihm gerade der Mann gefunden sei, dessen ich zum Mitarbeiter bedarf. Bei der Weitschichtigkeit und Zerstreutheit des Materials, welches zu sichten und zu prüfen ist, brauche ich zuvörderst einen sachverständigen Gelehrten, der es mir an den verschiedenen Orten in Archiven u[nd] Bibliotheken auffinden hilft u[nd] den ich zu diesem Zweck auf Reisen schicken kann, wenn ich an dem hiesigen Ort durch meine Berufsgeschäfte gebunden bin. Ich werde sodann auch bei der Herausgabe der Chroniken1 selbst nicht ohne einen Mitarbeiter sein können, der sich derselben zu unterziehen im Stande ist, in Fällen, wo sich dazu geeignete locale Kräfte nicht vorfinden.2| Schon die Einleitungen, welche ich für die Herausgabe Nürnberger und Augsburger Chroniken getroffen habe, haben mir gezeigt, wie sehr viel meiner Redaction zu thun übrig bleibt, auch wo ich gute Hülfe am Orte finde. Der Archivar und Localhistoriker sieht selten über seine Stadt hinaus u[nd] weiß ebenso selten von einem für ihn interessanten Material, welches sich außerhalb derselben befindet. –
Ich habe Ihnen bisher über meine Arbeit noch nicht geschrieben, weil ich noch wenig dafür habe thun können. Unsere hiesige Bibliothek ist so beschaffen, daß sie auch für die bloßen Vorarbeiten bei weitem nicht ausreicht. Erst in diesen Osterferien3, die übrigens bei uns erst Ende dieses Monats beginnen, werde ich ernstlich an die Sache kommen. Zunächst will ich Franken, Schwaben u[nd] Baiern ins Auge fassen. Da ich aber versprochen, zu Michaelis einen Plan für das ganze Werk vorzulegen4, muß ich noch weiter gehen – so weit als ich eben komme. Unterdessen gedenke ich zugleich Nürnb[er]gs u[nd] Augsburgs
Chroniken
theilweise zum Druck vorzubereiten, damit, wenn man sich in der Commission über Plan u[nd] Principien der Herausgabe verständigt hat, sofort im nächsten Winter mit dem Druck begonnen werden kann. Es ist mir wahrscheinlich | daß ich den ganzen Sommer zu diesen vorbereitenden Arbeiten, welche meine Thätigkeit bei dem Unternehmen ganz besonders erfordern, brauchen werde und meine Vorlesungen deshalb aufgeben muß – was mir schwer genug fällt, aber nicht zu ändern ist, weil mir hier so gut wie alles Arbeitszeug fehlt. –
Wollen Sie also Herrn Dr. v[on] Kern davon in Kenntniß setzen, daß ich auf ihn als Mitarbeiter rechne u[nd] daß ich mich nächstens zu ihm in directe Beziehung setzen werde, um seine Hülfe sogleich für die Nürnberger, Augsburger u[nd] andern Chroniken bei der
Münchener Bibliothek in Anspruch zu nehmen. –
Erst vor wenigen Tagen ist das erste Heft Ihrer Historischen Zeitschrift hier angekommen: es war lang erwartet, hat aber meine Erwartung auch vollständig befriedigt, sowohl in Beziehung auf den Inhalt, als den Plan u[nd] die äußere Erscheinung. Die Abhandlungen sind gediegen, lehrreich u[nd] lesbar zugleich u[nd] in den kurzen Anzeigen der Übersicht ist alles Mögliche geleistet. – Die von mir durch Dr. Cluckhohn gewünschten Anzeigen für das zweite Heft werde ich gern und hoffentlich noch rechtzeitig liefern – nur habe ich Phil[l]ip[p]s Schrift5 (die in den Wiener Sitzungsberichten noch nicht erschienen ist) im Separatabdruck bis jetzt noch nicht bekommen können.6|
An Coll[egen] Wegele, der gestern zu meiner Freude bei mir war, bitte ich das Einliegende7 zu übergeben, wenn er zu Ihnen kommt.
1Dies bezieht sich auf die Edition „Die Chroniken der deutschen Städte vom 14. bis ins 16. Jahrhundert“, die von 1862 bis 1899 im Auftrag der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften von Karl Hegel herausgegeben wurde. Vgl. dazu
Kreis, Grundlagenforschung, S. 209-212., S. 304-316. 2Zum Aufbau des Editionsunternehmens sowie zur Mitarbeitergewinnung und Führung durch Karl Hegel vgl. ausführlich
Kreis, Geschichtswissenschaftliche Bedeutung, besonders S. 165-263, sowie
Kreis, Karl Hegels editorische Praxis. 3Ostern fiel im Jahr 1859 auf den 24. und 25. April. 4Zu diesem Plan vgl.
Hegel, Bericht 1859, S. 22-30, sowie
Kreis, Geschichtswissenschaftliche Bedeutung, S. 165-214, und
Kreis, Karl Hegels editorische Praxis. 5Zweiteilige Schrift des Juristen, Kanonikers und Rechtshistorikers Georg Phillips (1804-1872), über „Die deutsche Königswahl bis zur Goldenen Bulle. Erste Abtheilung“ und „Die deutsche Königswahl bis zur Goldenen Bulle. Zweite Abtheilung“ , in: Sitzungsbericht der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-Historische Classe, Bde. 24 (1857) und 26 (1858), S. 365-403 und S. 41-186. 6Im zweiten Heft der Historischen Zeitschrift 1 von 1859 findet sich nur eine „Anzeige“ Karl Hegels. Es handelt sich hierbei um eine Rezension über „Die ältere Verfassung der Landstände in der Mark Brandenburg“ von G. A. von Mülverstedt (Archivar in Sachsen). Vgl. dazu
Hegel, Mülverstedt, S. 510-512. 7Liegt nicht mehr bei.
Hegel, KarlKarl Hegel
HiKo
11657075X
Sybel, HeinrichHeinrich Sybel
HiKo
11862022318171895Sybel, Heinrich (1817–1895), in Düsseldorf geborener Historiker, Politiker und Archivar, der nach seinem Studium im Jahre 1838 an der Berliner Universität promoviert und 1840 an der Universität Bonn habilitiert wurde. Als ordentlicher Professor wirkte er an den Universitäten Marburg (1845–1856), München (1856–1861) und Bonn (1861–1875) und übernahm von 1875 bis 1895 als Direktor die Leitung der Preußischen Staatsarchive. Im Jahre 1858 gehörte er in München zu den Gründungsmitgliedern der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, gründete 1859 die Historische Zeitschrift und war von 1886 bis 1895 Präsident der Historischen Kommission in München. Im Jahre 1848 war er Mitglied des Frankfurter Vorparlaments, 1850 Mitglied des Erfurter Unionsparlaments, von 1874 bis1880 Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses.
Erlangen49.5928616,11.0056Mittelfränkische Universitätsstadt, etwa 20 Kilometer nördlich von Nürnberg gelegen, seit 1810 Stadt und Universität des Königreichs Bayern.
Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (GStA PK), Berlin
: I. HA Rep. 76 Kultusministerium; VI. HA Rep 92 Heinrich von Sybel, Nachlaß Schulze
GStA PK Berlin1000
Kreis
, Marion: Geschichtswissenschaftliche Grundlagenforschung, in: Helmut Neuhaus (Hg.), Karl Hegel – Historiker im 19. Jahrhundert. Unter Mitarbeit von Katja Dotzler, Christoph Hübner, Thomas Joswiak, Marion Kreis, Bruno Kuntke, Jörg Sandreuther und Christian Schöffel (= Erlanger Studien zur Geschichte, Bd. 7/Katalog zur Ausstellung des Instituts für Geschichte der Universität Erlangen-Nürnberg vom 20. November bis 16. Dezember 2001), Erlangen, Jena 2001.
Kreis
: Grundlagenforschung, S. 209-212.
2001
Kreis
, Marion: Karl Hegel. Geschichtswissenschaftliche Bedeutung und wissenschaftsgeschichtlicher Standort (= Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 84), Göttingen, Bristol, CT, USA 2012.
Kreis
: Geschichtswissenschaftliche Bedeutung
2012
Kreis
, Marion: Karl Hegels editorische Praxis im Spiegel seiner Korrespondenz seit den 1850er Jahren, in: Briefkultur(en) in der deutschen Geschichtswissenschaft zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert, hg. von Matthias Berg und Helmut Neuhaus (= Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 106), Göttingen 2021, S. 335-349.
Kreis
: Karl Hegels editorische Praxis, S. 335-349
2021
Hegel
, Karl: Bericht. Betreffend die Herausgabe einer Sammlung von Chroniken deutscher Städte. Der historischen Commission zu München vorgetragen am 2. September 1859, in: Historische Zeitschrift 2 (1859), S. 22-30. [= Nachrichten von der historischen Commission bei der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Erstes Stück 1859]
Hegel
: Bericht 1859, S. 22-30
1859
Hegel
, Karl: Mülverstedt, G. A. von. Die ältere Verfassung der Landstände in der Mark Brandenburg. Vornehmlich im 16. und 17. Jahrhundert. Berlin (o. J.), in: Historische Zeitschrift 1 (1859), S. 510-512.
Hegel
: Mülverstedt, S. 510-512
1859
Kern, TheodorTheodor Kern11614072018361873Kern, Theodor (1836–1873) wurde am 5. Mai 1836 in Bruneck in Tirol im Kaisertum Österreich geboren und starb am 18. November 1873 in Veytaux am Genfer See. Theodor Kern stammte aus einer österreichisch-badischen Handwerker- und Beamtenfamilie. Er besuchte das Gymnasium in Innsbruck und studierte seit 1853 zunächst Jura, später Geschichte und Philologie in Innsbruck, Göttingen, Heidelberg und München. Julius Ficker in Innsbruck, Georg Waitz in Göttingen, Ludwig Häusser in Heidelberg sowie Heinrich Sybel in München waren seine akademischen Lehrer. Das Staatsexamen für das Höhere Lehramt hatte er 1857 „mit glänzendem Erfolg“ absolviert. Promoviert worden war er als Schüler Ludwig Häussers im darauffolgenden Jahr 1858 in Heidelberg. 1863 habilitierte er sich über die „Chronik der Stadt Nürnberg vom 14. bis in’s 16. Jahrhundert“ und wurde im selben Jahr Privatdozent. Er war seit 1859 erster wissenschaftlicher Mitarbeiter Karl Hegels beim Editionsunternehmen „Die Chroniken der deutschen Städte“, für das er viele Forschungsreisen unternahm. Mit seiner sehr ordentlichen Arbeitsweise war Karl Hegel als Editionsleiter sehr zufrieden. Ab 1866 war Theodor Kern außerordentlicher, 1871 ordentlicher Professor der Geschichte an der Universität Freiburg im Breisgau, wo er einen historischen Verein gründete und die „Zeitschrift für Geschichte des Breisgaus“ herausgab. Auch noch in dieser Zeit blieb er dem Editionsprojekt der „Chroniken der deutschen Städte“ als Mitarbeiter auf Honorarbasis verbunden. 1873 starb der sehr begabte junge Historiker an den Folgen einer schweren Erkrankung.
Königliche Hof- und Staatsbibliothek MünchenKönigliche Hof- und Staatsbibliothek München
Kluckhohn, AugustAugust Kluckhohn11623991318321893Kluckhohn, August (1832–1893), im östlichen Westfalen geborener Historiker, der sich nach seinem Studium an den Universitäten Heidelberg und Göttingen im Jahre 1858 in Heidelberg habilitierte. In München trat er in die Redaktion der Historischen Zeitschrift ein und wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in verschiedenen Abteilungen. An der Universität München wurde er zunächst Privatdozent und 1865 außerordentlicher Professor, bevor er 1869 ordentlicher Professor an der dortigen Technischen Hochschule und 1883 an der Universität Göttingen wurde. 1871 wurde er außerordentliches, 1878 ordentliches Mitglied der Historischen Kommission.
Phillips (Philipps), Georg (George)Georg Phillips10023379118041872Phillips (Philipps), Georg (George) (1804–1872), war Jurist, Kanonist und Rechtshistoriker.
Wegele, Franz XaverFranz Xaver Wegele
HiKo
11930313218231897Wegele, Franz Xaver (1823–1897), in Landsberg am Lech geborener Historiker, der an den Universitäten München und Heidelberg studierte und sich im Jahre 1849 habilitierte. Von 1851 bis 1857 war er außerordentlicher Professor der Geschichte an der Universität Jena, von 1857 bis zu seinem Tode ordentlicher Professor an der Universität Würzburg. Im Jahre 1858 gehörte er, ein Freund Karl Hegels (1813–1901), zu den Gründungsmitgliedern der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und war von 1873 bis 1897 einer der Redakteure bei der Allgemeinen Deutschen Biographie (ADB).
Eckhardt, Karoline, verh. SybelCaroline Eckardt, verh. Sybel11738667718171884Eckhardt, Karoline (Caroline) (1817–1884), Tochter des Geodäten und hessen-darmstädtischen Ministerialrats Christian Eckhardt (1784–1866), Ehefrau des Historikers Heinrich Sybel (1817–1895).
FrankenIm Norden des Königreichs Bayern gelegene, aus den Regierungsbezirken Mittel-, Ober- und Unterfranken bestehende Landschaft mit den Hauptorten Ansbach, Bayreuth und Würzburg sowie der ehemaligen Reichsstadt Nürnberg und der Bischofsstadt Bamberg.
Schwaben (Schwabenland)Landschaft im Südwesten Deutschlands, zwischen dem Bodensee im Süden und Hohenloher Land im Norden, dem Schwarzwald im Westen und dem Fluß Lech im Osten gelegen.
Bayern (Baiern)Das Königreich Bayern bestand von 1806 bis 1918.
Nürnberg49.453872,11.077298In Franken an der Pegnitz gelegene ehemalige Reichsstadt, seit 1806 Stadt des Königreichs Bayern.
Augsburg48.3668041,10.8986971Auf römische Zeit zurückgehende alte Reichsstadt des Heiligen Römischen Reiches und Bischofsstadt am Lech, etwa 65 Kilometer nordwestlich von München gelegen und seit 1806 zum Königreich Bayern gehörig.
München48.1371079,11.5753822Haupt- und Residenzstadt des Königreichs Bayern an der Isar in Oberbayern.
Chronik(en), Chroniken der deutschen Städte (Städtechroniken), chronikalische DenkmälerEdition „Die Chroniken der deutschen Städte vom 14. bis ins 16. Jahrhundert“, von 1862 bis 1899 hrsg. von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften durch Karl Hegel (1813-1901); auch allgemein: auf die Antike zurückgehende geschichtliche Darstellung, in der die Ereignisse in zeitlich genauer Reihenfolge, dabei aber, im Gegensatz zu den formal strengeren Annalen, in größeren Zeitabschnitten aufgezeichnet werden, auch im Sinne von: Lebensläufen.
Redaction, Redactionen (Redaktion)Redaktion hier als Tätigkeit in Bezug auf die Herausgabe einer historisch-kritischen Quellen-Edition; auch: Zeitungsredaktion.
Localhistoriker, LokalhistorikerHistoriker vor Ort, die sich mit der Erforschung der Geschichte ihrer unmittelbaren Umgebung beschäftigen, im 19. Jahrhundert oft gebräuchlich für Archivare, die über ihre Stadt oder ihre Heimat forschten.
MaterialGesamtheit der Quellen, Dokumente und entsprechenden Unterlagen, die für ein bestimmtes Forschungsvorhaben die zu bearbeitende Basis bilden.
Universitätsbibliothek, Universitäts-Bibliothek ErlangenDie Erlanger Universitätsbibliothek wurde 1743 zusammen mit der Gründung der Universität durch den Markgrafen Friedrich von Brandenburg-Bayreuth (1711-1763) gegründet und verfügt heute über mehrere Standorte sowie Teilbibliotheken, die sich teilweise auch aus Fusionierungen der Universität und Neugründungen von Fakultäten im weiteren Verlauf der Universitätsgeschichte ergaben.
Michaelis (Michaeli)Michaelistag als Fest des heiligen Erzengels Michael und aller Engel nach römisch-katholischer, anglikanischer und teilweise auch protestantischer kirchlicher Tradition am 29. September.
Historische Commission/Kommission, MünchenIm Jahre 1858 in München auf Anregung des Berliner Historikers Leopold Ranke (1795-1886) vom bayerischen König Maximilian II. Joseph (1811-1864) bei seiner Akademie der Wissenschaften gegründete Institution zur Erforschung der deutsche Geschichte.
Historische Zeitschrift (HZ)Im Jahre 1859 von dem Historiker Heinrich Sybel (1817-1895) gegründete geschichtswissenschaftliche Fachzeitschrift.
Mehrere Registerverweise
Zitierempfehlung
Die wissenschaftliche Korrespondenz des Historikers Karl Hegel (1813-1901), bearbeitet von Helmut Neuhaus und Marion Kreis